Trümmer der Vergangenheit

Eine Menge Schriftrollen seht ihr vor Euch auf dem Tisch liegen. Zögernd greift ihr Euch eine und beginnt zu lesen und zu verstehen.
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Sidhril
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Trümmer der Vergangenheit

Beitrag von Sidhril »

Trümmer der Vergangenheit
(Die Geschichte einer Breeländerin)

Regungslos betrachtete die Gestalt die vor sich liegenden Wege gen Osten. Die Morgendämmerung trieb das erste Licht des Tages über die Baumwipfel und ließ den Wald in einem seltsamen Zwielicht erscheinen. Es hatte zu regnen begonnen und das Licht brach sich in den ersten Pfützen und vermischte sich mit dem Licht der Laternen vor dem Gasthaus. In der Ferne schleppte ein Arbeiter geschlagenes Holz zu einem Unterstand, doch wer es war, das konnte die Gestalt nicht erkennen.

Sie zog den Mantel enger, denn mit dem Regen kam auch ein leichter Wind auf, der noch immer recht kühl war. Doch geschah diese Bewegung eher unbewusst, denn ihre Augen wirkten leer. Selbst die Gestalt, die erneut den Unterstand verließ, nahm sie mit den Augen nicht wahr. Stattdessen blickte sie in die Trümmer ihrer Vergangenheit.

Sie erinnerte sich daran, wie sie als junges Mädchen das erste mal die große Stadt besuchen wollte mit ihren Freunden. Mutter hatte ihr dringend geraten, bei ihren Begleitern zu bleiben aber eigentlich war es ihr nicht recht, dass sie sich vom Hof entfernte. Doch Edmund und Gernot versicherten ihr, auf sie aufzupassen… natürlich war dies abgesprochen gewesen, doch dies musste Mutter ja nicht wissen. Es war eine unbeschwerte Zeit, auch wenn sie allmählich immer weniger Zeit hatte, einfach nur das zu tun, was ihr Spaß machte.

Die Rosenzucht ihrer Mutter hatte sie einige Zeit in Anspruch genommen aber auch Vater beschäftigte sie oft in seiner Werkstatt, auch wenn er es vorzog, ihren Bruder Ulfried an die Esse zu lassen und sie dafür nur die leichteren Tätigkeiten machen zu lassen. Es ging ihnen einigermaßen gut. Die Aufträge der Stadtwache kamen regelmäßig, nur waren sie manchmal geizig mit der Bezahlung, was oft Streitereien auslöste. Wenn sie jetzt daran denken musste, dann kam es ihr dennoch unwichtig vor im Vergleich zu dem, was Jahre später geschehen sollte.

"Seid gegrüßt. Ihr seid aber früh auf."
Sie zeigte nur eine leichte Regung. Die Lippen zusammen gepresst nickte sie dem Mann kaum merklich zu. Sie konnte erkennen, dass er auf dem Weg zum Holzfällerlager war. Ihre Lippen bebten und sie musste sich zusammen reißen, dass sie ihn nicht davon jagte. Sie wollte alleine sein, doch sie war unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Es wäre vermutlich ein kläglicher Versuch geworden, sich auf eine freundliche Begrüßung derart abweisend zu verhalten. So zog sie es vor zu schweigen.

Ihre Gedanken wanderten wieder zurück an jenen Tag, als sie sich zum Keilerbrunnen begaben und das rege Treiben beobachteten. Sie hatte sich damals mit ihrer Freundin Heide ausgemalt, sich hier einen reichen Edelmann zu angeln. Was waren sie naiv gewesen. Ein Anflug eines Lächelns schien auf ihren Lippen zu erscheinen, was sogleich wieder erstarb. Ulfried war auch mitgekommen. Ach hätte er es doch gelassen.

Der Regen wurde unangenehmer, doch sie schien es kaum zu spüren. Auf ihren Wangen lief Wasser hinunter, doch man konnte nicht erkennen, ob es der Regen oder eine Träne war. Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, Haare welche schwarz waren wie Kohle, welches ihr nie so aufgefallen war. Ein Anflug von Wut ließ sie einen zornigen Blick in die Ferne richten. Sie begab sich ein paar Schritte in Richtung des Gasthauses, um sich ein wenig unterzustellen.
Eine kleine ABC-Musiksammlung - aktualisiert am 17.05.2011

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Ein Bruder der kein Bruder war

Beitrag von Sidhril »

Ein Bruder der kein Bruder war

Etwas abseits der Tür lehnte sie sich an die Wand und schaute trübsinnig auf die leeren Marktstände. Bald schon würden sich die ersten Leute aufmachen, ihre Waren dort zu platzieren und auch die ersten Karren würden eintreffen und Waren aus den umliegenden Dörfern hier feilbieten. Lange schaute sie hinüber ohne sich zu regen. Oft hatte sie die fahrenden Händler beobachtet und sich vorgestellt, einfach mitzureisen. Ihr Blick fiel auf eine der Wachen, die ihren Dienst tat, auch wenn sie sich vorstellen konnte, dass er lieber Heim geblieben wäre. Die Zeiten waren jedoch unruhig und ihr Dorf, ja das ganze Breeland war bedroht.

Sie musste an ihren Vater denken, als er ihr eines Tages ein Holzschwert in die Hand drückte und sie aufforderte, ihn anzugreifen. Sie verstand es als Spiel und so hieb sie wie ein junges Mädchen das eben tut spielerisch auf ihren Vater ein. Er verlangte von ihr, dass sie all ihre Kraft in die Hiebe legte nur um ihr letztendlich eine Geschichte von Räubern zu erzählen und was sie tun würde, wen sie einem begegnen würde.

"Ich würde Ulfried rufen, der vertreibt sie doch sicher", hatte sie erwidert.

Schmerzlich kam die Erinnerung an den Tag herauf, als sie davon erfuhren, dass er an der Grenze im Norden schwer verwundet und am Ende seinen Verletzungen erlegen war. Sie hatte ihn nicht mal in den Tod begleiten dürfen. Lediglich Vater durfte ihn Heim holen. Irgendwo im Osten auf einem Hügel war noch ein verwitterter Grabstein zu erkennen. Stumm ballte sie die Fäuste und zog so den Mantel etwas enger, so dass er um den Hals spannte. Sie erinnerte sich plötzlich an den alten Galgenbaum. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie dort hängen würde. Würde der Tod schnell kommen oder würde es so sein, wie man es ihr einst erzählte, dass es lange dauert und der erhängte einen qualvollen Tod stirbt?

"Was wollt ihr hier? Schert euch Heim."
Sie schrak auf, denn der Wirt des Gasthauses stand neben ihr.
"Entschuldigt bitte", sprach sie demütig und ging ein paar Schritte in den nachlassenden Regen. Ohne sich umzudrehen sagte sie mit gebrochener Stimme: "Lasst mich alleine."
"Aber wagt es nicht hinein hört ihr?" Die Stimme des Wirtes war zornig. Ob es daran lag, dass er wenig geschlafen hatte oder an den Ereignisse des letzten Abends wusste sie nicht. Vermutlich lag es an letzterem.

Sie ging langsam den Weg entlang nach Osten zum Hügel, auf dem ihr Bruder begraben lag. Der Regen war zu einem Nieselregen geworden, doch ließ er nun nicht weiter nach und tränkte ihre Kleidung mehr und mehr. Der Mantel würde bald nutzlos sein, doch es kümmerte sie nicht. Ein einsamer Rabe krächzte, als er sich von ihr gestört fühlte. Dann flatterte er davon und setzte sich schimpfend in der Nähe auf einen anderen Baum. Ihre Schritte wurden langsamer und sie verharrte dann vor einem Grabstein, der etwas schief aus dem Boden ragte.

Langsam ging sie um das Grab herum und kniete sich auf den weichen Boden. Sie versuchte mit aller Kraft den Stein gerade zu rücken nur wehrte er sich erfolgreich gegen ihre Anstrengungen. Sie spürte wie ihre Kräfte nachließen und nun konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Erst stumm dann schluchzend liefen ihr die Tränen über die Wangen und so kauerte sie einige Zeit am Grabstein ihres… Halbbruders.
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Schwere Lasten

Beitrag von Sidhril »

Schwere Lasten

Als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, bemerkte sie, dass ihr Kleid nass war. Ein leiser Seufzer war zu vernehmen, als sie aufstand und das Malheur betrachtete. Etwas klebte in ihrem Gesicht und sie bemerkte, dass es ihre Haare waren, die sich gelöst hatten und von Regen und Tränen feucht wild verteilt auf Stirn und Wangen lagen. Als sie so die Strähnen betrachtete, musste sie daran denken, dass es ihr früher nie aufgefallen war. Ulfried hatte hellbraunes Haar gehabt genau wie Vater und ihre Mutter hatte noch hellere Haare. Doch es gab etwas, es fiel ihr bereits als Kind auf, doch ihre Mutter hatte es ihr mit Worten erklärt, die ein Kind halt gerne hört. Sie sei etwas Besonderes, auserkoren größere Taten zu vollbringen und Rosen seien schließlich auch nicht alle gleich und doch schön jede für sich.

Sie dachte an die Rosenzucht ihrer Mutter und wie sie sich gewiss dutzende Male an den Dornen gestochen hatte. Vater hatte sich davon ferngehalten, denn so glaubte sie, war er in der Kunde der Blumen nicht bewandert. Sie war nicht ihr ganzes Leben Rosenzüchterin gewesen. Nach den Erzählungen soll sie kurz bevor sie das Mädchen gebar damit begonnen haben, den Garten für diese Zwecke umzugestalten. Heute verstand sie es, doch als Kind war es wie ein Märchen, was nur noch wahr werden musste.

Sie verstand nun auch, warum ihr nicht jeder wohlgesonnen war. Als ihre Mutter an einer schweren Krankheit starb, da verwehrte man ihrem Vater das Begräbnis neben seinem Sohn. Sie erinnert sich, wie wütend er darüber war. Es war auch der Tag, an dem er anfing zu trinken. Fast jeden Abend sah man ihn nun im Gasthaus. Die Rosenzucht wurde als erstes verkauft an eine befreundete Familie. Das Haus folgte als nächstes und so zogen sie in das alte Haus ihres Vaters. Die Zeiten wurden schwerer, obwohl sie nur noch zwei Mäuler zu stopfen hatten. Auch für sie begann es allmählich immer schwerer zu werden, wenn auch aus anderen Gründen.

Heide heiratete und gebar bald darauf einen Sohn und auch ihre anderen Freunde gründeten Familien. Sie jedoch blieb alleine, der Vergangenheit nachtrauernd. Sie fühlte sich nicht mehr so frei, da sie sich auch öfter um Vater kümmern musste, der die Abende im Gasthaus verbrachte und sich mit dem Wirt anfreundete. Es gab Nächte, da kam er fröhlich Heim wenn er im Glücksspiel gewonnen hatte und in manchen Nächten da zog sie es vor, sich in der hintersten Ecke zu verkriechen, damit er seine Wut nicht an ihr auslässt. Doch eigentlich hatte sie nie Grund gehabt etwas zu befürchten. Er war für sie der liebevollste Vater, der niemals seine Hand gegen seine Tochter erhob.

Sie musste spöttisch grinsen. Es war diese eine Nacht, die letzte Nacht, die ihr Leben aus den Fugen geraten ließ. Er hatte Pech im Glücksspiel gehabt und so war er wie immer in solchen Nächten missgelaunt heimgekehrt. Etwas war anders gewesen als sonst, denn er kam nicht etwa nur um zu schlafen, sondern er forderte sie auf, ihm zuzuhören. Sie hätte sich dagegen wehren müssen. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie es zugelassen hatte, dass er die Last, die er all die Jahre auf den Schultern trug, nun auf sie ablud. So nahm das Unglück seinen Lauf, als er zu erzählen begann.
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Eine Phase der Schwäche

Beitrag von Sidhril »

Eine Phase der Schwäche

Noch immer sah sie die Bilder der letzten Nacht vor ihrem inneren Auge. Sie war erst zögerlich, dann mit dem Willen ihn ruhig zu stellen, aus ihrer Kammer gekommen und hatte sich zu ihm gesellt. Sie hatte sich an die Kochstelle begeben um einen Tee aufzubrühen, doch er griff nach ihrer Hand und zog sie hinunter zur Sitzbank. Er roch nach Alkohol und Erbrochenem – welches wohl aber nicht sein eigenes war, darauf deuteten Flecke auf seinen Schuhen hin – doch er war seltsam klar bei Verstand. Er hatte schon immer einen eisernen Willen gehabt, dem man sich nur selten widersetzen konnte.

Sie setzte sich zu ihm und hörte die Worte über die Vergangenheit ihrer Familie. Worte die sie schmerzten, die sie tief ins Herz trafen, als er ihr offenbarte, nicht ihr leiblicher Vater zu sein. All seine Beteuerungen, dass er sie liebe wie seine eigene Tochter, dies immer getan habe und es auch immer tun werde, es half alles nichts. Sie war es nun, die einen Tee benötigte oder wahlweise auch eine Strohpuppe und ein Schwert, einen Knüppel oder auch einen Schmiedehammer, um auf sie einzudreschen, die Wut herauszulassen. Sie tat es natürlich nicht, doch sie fühlte ein inneres Beben, als er immer weiter erzählte.

Es gab eine Phase der Schwäche in ihrer Familie, als sich Mutter von ihm etwas zurückzog – eine Phase, die ein anderer ausnutzte, um sie über mehrere Monate zu umgarnen. Ein fahrender Händler aus dem Süden soll er gewesen sein, doch alles weitere, was er erzählt hatte letzte Nacht, das nahm sie nicht mehr wirklich wahr. Sie konnte nun endlich verstehen, warum sie ein wenig anders war als ihr Bruder, Vater, Mutter… Das Beben in ihr verstärkte sich noch, als sie den Hass bemerkte, den sie nun für ihre Mutter empfand. Warum hatte sie es ihr nur angetan? Warum hat sie Vater betrogen? Sie suchte die Schuld bei jedem, nur nicht bei Vater.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Zuerst sanft dann bestimmend, so als wolle er sie auffordern, sich umzudrehen.
"Ich trauere auch um ihn. Doch dies ist kein Grund sich hier den Tod zu holen."
Sie schaute zum Wachführer. Er hatte gewiss Recht. Vielleicht sollte sie heimkehren.

Heimkehren… Mutter war tot, der Bruder ebenso und Vater war nicht mal wirklich ihr Vater. Der Mann der sie gezeugt hatte, den kannte sie nicht. Sie würde ihn auch nicht kennen lernen wollen. Er würde niemals den Platz von Vater einnehmen können. Die Freunde waren fortgezogen und nur noch die jüngeren waren bei ihren Familien. Vielleicht war es auch Zeit für etwas Abstand. Vielleicht ein Abenteuer? Damit sie so wird wie Mutter? Angewidert schüttelte sie den Kopf.

"Ich kann es Euch auch befehlen heimzukehren!", sprach der Wachführer mit Nachdruck.
"Verzeiht, ich habe nicht Euch gemeint Bertram", sprach sie mit noch immer dünner Stimme.
"Ist es wieder wegen Arnulf?"
"Vater geht es gut. Macht Euch keine Sorgen", sprach sie schnell. "Ich sehe mal nach ihm. Er hatte letzte Nacht wohl Pech."
Langsam ging sie in Richtung ihres Hauses, als sie dann doch stehen blieb. Sie drehte sich langsam zu ihm um und schaute ihn mit klaren Augen an.
"Bitte sorgt Euch um den Grabstein. Versprecht es mir bitte."
Verwundert schaute der Wachführer die junge Frau an. "Wenn Ihr es wünscht schau ich was ich machen kann."
"Danke Herr", antwortete sie sanft, wandte sich dann um und ging zum Haus.
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Aufbruch nach Westen

Beitrag von Sidhril »

Aufbruch nach Westen

Vater schlief ruhig. Lange betrachtete sie sein Gesicht. Sie spürte plötzlich Wärme in sich aufsteigen. Sie empfand viel für… diesen Mann, der ihr Vater war. Niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, ihn anders zu sehen als das was er 24 Jahre für sie gewesen war. Ihre Vergangenheit lag in Trümmern. All das was sie ausgemacht hatte, war innerhalb einer Nacht fort, fortgespült wie Erde an den Rädern des Karrens nach einem Regenguss. Der Regen tröpfelte immer weiter und der Morgen brach langsam an. Doch keine Sonne drang durch die dichten Wolken.

Ein Blitz zuckte und kurz darauf folgte Donner und sie fuhr zusammen und starrte ängstlich auf den Tisch. Sie wusste nicht, was aus ihr werden würde. Sie musste davon ausgehen, dass nicht nur Vater davon wusste. Der Wirt war sein bester Freund und besten Freunden erzählt man so gut wie alles und Wirte erzählen auch so gut wie alles und das jedem, ungefragt, nur um etwas zu erzählen zu haben. Sie erhob sich und holte von einem Regal eine Kerze, etwas Papier, einen Stift und als letztes den Tee. Lange saß sie über dem nicht mehr ganz so sauberen Papier und überlegte, was sie tun sollte.

Lieber Vater
Solltest Du diese Zeilen lesen, werde ich bereits weit fort sein.
Es tut mir im inneren weh, dass ich Dich nun allein lassen muss,
doch ich werde einige Zeit benötigen, darüber nachzudenken,
was Du mir in der letzten Nacht erzählt hattest.
Ich werde nach Osten gehen und eine Lehrstelle als Schmied suchen.
Such‘ bitte nicht nach mir, denn es wäre vergebens.
Mache Dir aber keine Sorgen um mich.

Ich denke an Dich,
wie eine liebende Tochter an ihren Vater.
A. R.


Sie setzt den Stift erneut an, lässt es dann aber den Satz niederzuschreiben, den sie vor den Augen hatte. Sie setzt die Tasse mit dem Tee an ihre Lippen, trinkt einen Schluck und schaut dann durch das Fenster in den Regen hinaus. Als sie so eine Weile sitzt, bemerkt sie plötzlich eine junge Hand die winkt. Ein Lächeln zeigt sich auf ihren Lippen, als sie Ulfried erkennt. Kurze Zeit später öffnet sich die Tür und Mutter tritt hinein. An der Hand führt sie einen dunkelhaarigen Mann hinein. Verstohlen schaut sie sich um, schließt dann die Tür und...

Eine Bewegung reißt sie aus den Gedanken. Sie presst die Lippen zusammen, als sie in das Gesicht ihres Vaters schaut. Speichel rinnt ihm aus dem Mundwinkel. Schnell erhebt sie sich und holt ein Tuch. Sorgsam wischt sie ihm den Speichel aus dem Gesicht und vom Hemd bedacht darauf ihn nicht zu wecken. Sie schaut zur Kerze, pustet diese dann aus und stellt sie ins Regal zurück. Stumm kramt sie in ihrem Schrank und sucht einige Kleider zusammen. Schnell entkleidet sie sich dann, ehe sie erschrocken die Tür zu ihrer Kammer schließt, als ob sie jemand so betrachten könnte.

Erneut betrachtet sie ihre schwarzen Haare. In einem aufkommenden Anfall von Wut nimmt sie eine Schere und schneidet ihre langen Haare bis auf die Schultern kurz. Tränen rinnen ihr übers Gesicht als sie still vor sich hin weint und ein schwarzes Haarbüschel nach dem anderen in ihrem Schoß, auf ihre Oberschenkel oder auf dem Boden landet. Nach endlos scheinender Zeit legt sie die Schere zur Seite und betrachtet in einem dreckigen Spiegel ihr Werk. Erschrocken über den Anblick geht sie zu einer Waschschüssel und säubert sich ihr Gesicht, ihren Oberkörper und auch den Rest von sich. Anschließend steigt sie in bequeme Reisekleidung, bindet ein Päckchen mit Kleidern und wenigen Vorräten zusammen, tritt leise durch die Hauptkammer an ihrem Vater vorbei und dann ins Freie.

Wenig später sieht man eine junge Frau ein Pferd gen Westen führen in Richtung der großen Stadt Bree. Wohin ihre Reise letztendlich führt, weiß sie nicht. Ihre Pläne eine Lehre zu beginnen hat sie nicht verworfen, aber ihr ist es gleich, wer sie lehrt. Hauptsache sie kommt aus den Trümmern ihrer Vergangenheit heraus und doch eines weiß sie. Ihr Weg führt nach Westen.
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Die große Stadt

Beitrag von Sidhril »

Die große Stadt

Je näher sie der Stadt kam, desto stärker beschäftigte sie die Angst, dass sie angesprochen werden würde. Was sollte sie den Wachen sagen? Würden sie ihrem Vater verraten, wo sie sei? Wenn er ihr folgen würde, was würde er tun, wenn er sie fände? Würde er sie überhaupt suchen? Sie hoffte die falsche Spur gelegt zu haben, damit sie Zeit haben konnte über sich nachzudenken. Sie sollte besser nicht auffallen und den meisten Menschen aus dem Weg gehen und doch zog sie die Stadt an. Vielleicht hatte sie auch Glück. Sie schaute kurz an sich herab. Ob sie nicht doch zu auffällig gekleidet war? Sie ließ die Schultern hängen und ging mit steigender Mutlosigkeit weiter ohne sich weiter umzusehen.

Der Weg wurde fester als sie sich den Stadttoren im Osten näherte. Sie zog die Kapuze etwas tiefer ins Gesicht und hielt den Kragen mit der linken zusammen, als wolle sie sich vor dem Wind schützen, während sie mit der rechten das Pferd führte. Als sie sich dem Tor zuwenden wollte, hörte sie die knirschenden Geräusche von Rädern eines Wagens aus südlicher Richtung. Sie hielt kurz inne, um ihn passieren zu lassen und folgte ihm anschließend in die Stadt hinein darauf bedacht, keine der Wachen anzusehen. Sie glaubte aber fast schon, dass sie alle anstarren und sie jeden Moment ansprechen würden, doch es geschah nicht. Stattdessen hörte sie nur einen allgemeinen Gruß und die üblichen Floskeln, keinen Ärger zu machen. Sie grüßte freundlich aber etwas leise murmelnd zurück. Dann war sie endlich in Bree.

Sie spürte das Verlangen loszurennen, aber ihr innerer Drang wurde von einer noch größeren Macht gedämpft – der Vernunft. Erleichtert betrachtete sie die leicht abschüssige Straße. Bald würde sie dort sein. Schon von weitem konnte sie den Brunnen erkennen. Ein Lächeln legte sich auf ihre Züge als sie daran dachte, wie sie dort oft gesessen hatte und mit Heide geplauscht oder mit den anderen gescherzt hatte. Es war eine gute Erinnerung, auch wenn Ulfried an dem besagten Tag, der ihr in der letzten Nacht durch den Kopf gegangen war, aus einem spontanen Einfall heraus eine der Wachen angesprochen hatte, um vielleicht aufgenommen zu werden.

Der Regen hatte aufgehört und der Platz war gesäumt mit zahlreichen Pfützen. Das alles änderte aber nichts an dem Anblick des Brunnens. Das Wasser sprudelte munter, die Keiler standen dort wie immer stolz und es erinnerte sie an den aufkommenden Frühling. Die Tage wurden länger und auch das Wetter milder. Wie zum Trotz nieste jemand in der Nähe. Sie fühlte sich ein wenig erschöpft und so setzte sie sich an den Rand des Brunnens und streckte die Beine etwas von sich. Die Kapuze rutschte etwas nach hinten, doch es störte sie nicht. Die Morgensonne brach durch eine Lücke in den Wolken als es etwa aufklarte und ließ wie von Zauberhand alles viel lebendiger wirken. Nach einiger Zeit fiel ihr Blick auf die Handwerkshalle und sie erinnerte sich an ein altes Geschäft mit einem der Handwerker. Er schuldete ihnen noch etwas und so stand sie auf, um sich auf den Weg zu machen. Da fiel ihr ein, dass sie nicht auffallen wollte. Etwas enttäuscht wandte sie sich wieder ab und führte ihr Pferd dann fort in Richtung der Ställe.

Auf ihrem Weg kam sie an den bereits anwesenden Händlern vorbei. Anders als sonst hatte sie jedoch keine Ware feilzubieten. So schaute sie sich nur um, tauschte mit den Leuten die sie ansprachen Höflichkeitsfloskeln aus und ging dann weiter zu den Ställen, wo sie ihr Pferd unterbringen ließ. Wenn sie es genau betrachtete, war das Pferd ihr einziger Reichtum. Unwillkürlich ging ihre Hand zu ihrem Wams, wo sie den Münzbeutel untergebracht hatte. Wie lange ihre Ersparnisse reichen würden, wusste sie nicht abzuschätzen. Zur Not musste sie das Pferd verkaufen. Sie strich dem Pferd noch kurz über das Fell und begab sich dann einer plötzlichen Eingebung folgend zu den Toren des Gasthauses.
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Re: Trümmer der Vergangenheit

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