Die Quelle der Gegenwart

Eine Menge Schriftrollen seht ihr vor Euch auf dem Tisch liegen. Zögernd greift ihr Euch eine und beginnt zu lesen und zu verstehen.
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Meliamne
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Die Quelle der Gegenwart

Beitrag von Meliamne »

Es war kurz vor Mitternacht als ein stiller Wächter Belaion und Celaehir in ihren Gemächern aufsuchte und sie bat ihr still zu folgen. Die Elbe führte die beiden Krieger hinaus in den nächtlichen Garten der Zuflucht. Ein Blick in den Himmel über ihnen verriet eine sternenklare Nacht mit nur wenigen Wolken... Die hellen Sterne und der fast vollendete Mond leuchteten auf den wundervollen Garten und ließen die purpurnen Lilien vom schwarzgrünen Untergrund hervortreten.

Leiser plätscherte der kleine Bachlauf in den großen Teich im Zentrum des Gartens, welches von Rosensträuchern umgeben war. In der Nacht schien die geschützte Wildnis anders zu duften als am Tage und man konnte die leicht bittere und verheißungsvolle Note der Lilien noch am klarsten erkennen.

Die elbische Wächterin der Zuflucht wies Belaion und Celaehir den Weg schließlich mit einer leichten Armbewegung weiter zum Teich, ehe sie sich mit einer kurzen Verneigung vor den Kriegern verabschiedete.

Als die beiden stolzen Elben den kleinen Kiesweg hinab zum Teich entlang gingen, bemerkten sie wohl, wie sich der Nachthimmel auf der Oberfläche des Wasser spiegelte. Und wundersamer Weise erkannten sie nicht nur die verschwommenen Umrisse des Mondes, sondern auch die kleinen Punkte der Sterne... Der Teich schien zu dieser späten Stunde ewiglich tief und nur eine leichte Brise verwirbelte kurz seine seidenglatte Oberfläche... und trug einige welke Blätter gen Ufer.
Eine Weile warteten sie am Ufer alleine und konnten die Nacht auf sich einwirken lassen.

Dann hörten beide die leisen, knirschenden Schritte eines weiteren Nachtwanderers und wenige Atemzüge später näherte sich ihnen die Zauberin Meliamne. Sie war wie so oft wenn sie sich in der Zuflucht aufhielt in eine weite nachtblaue Robe gehüllt, die ihre bleiche Haut in dieser Nacht noch mehr hervorhob. Die Elbin lächelte beiden sanft zu, jedoch sprach sie keine Worte und bedeutete beiden sich in Nähe des Teiches niederzulassen.

Die elbische Zauberin trug eine große Schale mit sich und erst auf näheren Blick erkannte man, dass diese eine riesenhafte Muschelschale war, dessen Innenseite irisierend schillerte, als das Licht der Nacht darauffiel.

Sie ließ sich auf Knien am Ufer nieder und schöpfte mit der Schale Wasser aus dem Teich. Die gefüllte Schale ließ sie daraufhin zwischen sich und den beiden Elben-Kriegern auf die mit Moos bedeckten Steinfliesen sinken.

Eine ihrer schlanken Hände glitt sacht in einen Beutel, der an ihrem Gürtel pendelte, und holte daraus einen kleinen Stein hervor. Mit bedachten Bewegungen legte Meliamne sich den Stein auf die offene Handfläche und zeigte ihn so den beiden Elben. Auf der bleichen Haut der Elbe konnte man nun deutlicher die farblichen Facetten des Steins erkennen, der sich als wertvoller Edelstein entpuppte: In allen erdenklichen Tönen des Meeres schillernd als das Mondlicht auf ihn traf.

Mit einer weichen Bewegung ihrer offenen Hand ließ Meliamne den Saphir einfach in die Muschelschale gleiten, wo er dann in die Mitte sank und nun auch das ihn umgebende Wasser sanft bläulich zu schimmern begann.

Daraufhin erhob die Zauberin ihre beiden Arme und richtete ihren Blick in den Nachthimmel hinauf.


'Ulmo... Ni'alla le. Ulmo... Aran ni aerar, en nen, en sír, en ross, en mîdh...'

Daraufhin sank das Haupt der Zauberin wieder herab und sie strich behutsam mit ihren Fingerspitzen über die Wasserfläche. Als ihre Finger das Wasser berührten, begann dieses sacht aufzuglitzern. Und je länger ihre Bewegungen in bestimmten Kreismustern über die Wassroberfläche tanzten, desto stärker wurde das Lichtschimmern, welches aus der Mitte der Schale zu kommen schien.

Meliamnes Gesicht und Oberkörper wurden von diesem sanften Leuchten eingehüllt, welches eine wellengleiche Intensität zu haben schien. Erneut sprach die Zauberin mit leiser Stimme, die Silben flüsterte sie wie bei einem Lied:


'Ulmo... Ich bitte dich. Zeige uns den Pfad unseres Bruders Litreth. Unser Bruder ging durch deine Auen, durchschritt deine Pfade und sein Blut strömt deinem Herzen zu. Zeige uns, wo unser Bruder in dieser Stunde ist, ob er atmet oder nicht, ob seine Pfeile zerbrochen wurden oder nicht... Lass' uns nicht in Ungewissheit.'

In voller Konzentration sah die Elbe nun ins Zentrum dieses Schimmerns und für einen ganzen Lidschlag schienen ihre Augen völlig leer, so als wäre sie einen Augenblick nur lang in eine andere Welt eingetaucht.
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Re: Die Quelle der Gegenwart

Beitrag von Belaion »

Während Belaion die Bewegungen der anmutigen Elbin mit aufmerksamen Blicken verfolgt, stellen sich ihm unwillkürlich die Nackenhaare auf. Obwohl er genau weiß, dass diese Magie nichts mit der verderbten Boshaftigkeit des Bilwisschamanens zu tun hat, der seinen Vater getötet hat, kann er sich eines leichten Schauders nicht erwehren, als ihre anmutige Stimme anfängt die Formeln zu sprechen.
Mit einem trotzig wirkenden Schulterzucken, welches ihm einen unwilligen Blick des neben ihm knieenden Celaehir einträgt, schüttelt er sein Misstrauen ab und richtet seinen Blick auf das stärker werdende Schimmern in der Schale...
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Re: Die Quelle der Gegenwart

Beitrag von Belaion »

...aus dem Schimmern heraus begann sich ein Bild zu formen. Ungläubig starrte der junge Elb auf die Schale. Was er sah war beruhigend und beunruhigend gleichzeitig...

Eine spärlich möblierte aber saubere Kammer. Ein Fenster, durch das die Strahlen der Sonne über ein Bett streichen. Auf dem Bett liegt ein Mann, dicke Schweißtropfen auf der Stirn, in einem unruhigen, ohnmachtartigen Schlaf. Ein verrutschter Verband an der Schulter, enthüllt den Teil einer schwarzen, schwärenden Wunde, mit bösartig gezackt aussehenden Rändern.

...ist das Litreth?...

Irgendwie verändert sich die Perspektive des Bildes, das Bett und der daraufliegende Mann rücken in den Mittelpunkt. Es ist wirklich Litreth. Sein schon immer schmales Gesicht wirkt jetzt hager und abgezehrt.
Plötzlich fällt ein Schatten über sein Gesicht und eine Frau, oder ein Mädchen, mit langem, glänzenden blauschwarzen Haar beugt sich über ihn und beginnt ihm den Schweiß von der Stirn zu tupfen. Für einen Moment schaut die Frau auf und zum Fenster. Es ist als würde sie mir direkt ins Auge schauen.
Dann wird das Bild unscharf und wird wieder von dem Flimmern überlagert.

...für einen Moment bleibt der Blick Belaions auf der Schale haften. Dann blickt er auf und sieht fragend zu Meliamne herüber.
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Re: Die Quelle der Gegenwart

Beitrag von Meliamne »

Die meerblauen Augen der Zauberin bleiben weiterhin auf die Schale gerichtet, obwohl die visionären Bilder wohl schon längst darin verschwunden waren. Das sanfte Leuchten im Wasser erlischt langsam und die drei nächtlichen Wanderer versinken wieder in die natürliche Finsternis einer sternenklaren Nacht.

Der Ausdruck auf dem Gesicht Meliamnes wandelt sich von wortloser Konzentration zu tiefer Pein... Um ihre Sorgen zu verbergen senkt sie das Gesicht, so dass ihre langen Haare ihre Züge verbergen und hebt ihre beiden schlanken Hände vor ihre Augen.

Für eine ganze Weile scheint die Zauberin fernab der Gegenwart zu sein... Unsicher bleibt es den beiden Elben auch, ob sie alle das gleiche im Wasser erblicken konnten.

Schon scheint es, dass die Waldelbe für immer in dieser bewegungslosen Starre aushalten würde... Dann legt sie ihre bleichen Hände wieder zurück auf ihren Schoß und wendet die dunkelblauen Augen auf die beiden jungen Elbenkrieger. Ihre Miene wirkt nun wieder ruhig und ebenmäßig, wenn auch die Traurigkeit in dieser Stunde die Oberhand gewinnt. Auch ihre Augen scheinen ihre Gefühle kaum preisgeben zu wollen und so hält sie sich in ihrer Fassung.


'So konnten wir sehen, dass unser Bruder noch mit seinen Wunden kämpft. Ihm aber jemand zur Seite steht, dem unser Dank gelten sollte.'Die ruhige Stimme der Zauberin hallt durch den Garten und über den nachtscharzen Teich in der Nähe der drei Elben.
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