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Haldrandir der Elb - fortschreibendes Tagebuch -

Verfasst: Sa 13. Jun 2009, 19:37
von Haldrandir
Ein Pfeil zischte durch die Luft. Nichts war weiter zu hören. Absolute Stille. Kein einziges Blatt an den mächtigen Bäumen des Düsterwaldes bewegte sich. Plötzlich ertönte ein dumpfer Aufschlag. Der getroffene Hirsch sank zu Boden. Kein Todesschrei störte die Ruhe des Waldes. Der Pfeil hatte das Herz des Tieres durchbohrt und es starb auf der Stelle. Der Jäger näherte sich dem Wild ehrfürchtig. Mit gesenktem Haupt und erhobenen Händen murmelte er einen uralten Ritus der Jagd. Er diente dazu, dem getöteten Tier die Ehrerbietung zu erweisen und den Valar für dieses Jagdglück zu danken. Doch die Beute war nicht für den Jäger bestimmt, es sollte das Überleben einer kleinen Elbensiedlung sichern, welche am südwestlichen Rande des Düsterwaldes im Schatten des Nebelgebirges lag. Doch in diesem Jahr fiel die Ernte schlecht aus und im darauf folgenden Winter drohte den Einsiedlern Hungersnot.

"Haldrandir", rief der Sippenälteste als er den Jäger mit dem toten Hirsch vor seinem Tor erblickte, "Die Valar selbst müssen dich geschickt haben um unsere Not zu lindern. Mae Govannen! Wir nehmen gern Dein Geschenk an. Doch komm, und wärme dich an unseren Feuern!"

Haldrandir war schon oft in diesem Winter in der Siedlung gewesen und brachte Wild und Felle für die Bewohner. Im Gegenzug hörte er ihre Geschichten und lernte viel über fremde Völker und Länder aus den alten Büchern der Kundigen unter den Elben. Als er damals das Waldreich Thranduils verließ, um in den südlichen Teilen des Düsterwaldes nach Abenteuern zu suchen, hatte er keine Ahnung von der Welt außerhalb seines behüteten Umfeldes. Doch Gefahren, Not und Leid anderer, denen er auf seinem Weg begegnete, berührten ihn sehr und veränderten auch seine Sichtweise auf die Dinge dieser Welt.
Das Feuer im kunstvoll gearbeiteten Kamin knisterte behaglich, und Haldrandir machte es sich davor bequem. Bis weit in die Nacht hinein war er mit seinen Gastgebern in ein Gespräch vertieft, bevor er sich zur Ruhe begab. Doch er konnte nicht einschlafen, zum Einen weil Elben weniger Schlaf benötigen als andere Rassen und zum Anderen weil viele Gedanken in seinem Kopf umhergingen. Er sah Bilder, lebendige Bilder von grünen, fruchtbaren Landschaften, eisigen Bergen und weiten Ebenen vor seinem geistigen Auge. All diese Gegenden würde er eines Tages selbst erblicken, das hatte er im Gefühl. So kam es, dass Unruhe Haldrandir befiel und so beschloss er weiterzuziehen.

"Ich habe von Euch viel gelernt und ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft. Doch bald schon werde ich Richtung Westen gehen, um die Elben am Meer zu aufzusuchen. Sobald der Frühling da ist, und ihr nicht mehr auf meine Hilfe angewiesen seid."
"Nur mit großer Trauer lasse ich dich gehen, Haldrandir.",
sagte der alte Elb, "Du bist uns allen sehr ans Herz gewachsen, doch musst du dein Schicksal erfüllen und deine eigenen Erfahrungen sammeln. Und so soll es sein. Geh mit unserem Segen."

Mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen machte sich also Haldrandir auf die lange Reise gen Westen. Er überquerte das Nebelgebirge über den Hohen Pass in metertiefem Schnee und streifte auf geheimen Pfaden weiter durch Eriador. Auf seinem Weg begegnete er nur sehr wenigen Lebewesen, denn er ging lautlos durch die Wildnis und hielt sich von größeren Ansiedlungen der Menschen fern. Da es sehr ruhige und friedvolle Zeiten waren, verging die Wegstrecke wie im Fluge. Schließlich gelangte er nach Celondim, in den Bergen der Ered Luin. Die Elben dort nahmen ihn sehr freundlich auf, und er fühlte sich sofort wohl. Er erzählte ihnen von seinen Erlebnissen der Reise, wie es im Waldreich stand und sie gewährten ihm Zugang zu längst verloren geglaubtem Wissen. Haldrandir entdeckte sein Geschick für die Kunst der Holzbearbeitung und verbrachte viele Stunden mit der Drechslerin in Celondim. Die Zeit verging. Gerüchte wurden laut. Gerüchte von Überfällen schrecklicher Kreaturen und einer ungreifbaren Gefahr. Dieser Sache musste Haldrandir nachgehen, denn nach wie vor brannte die Abenteuerlust in seinen Adern.

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Haldrandir blickte auf in den blauen Himmel. Ein Adler. Er sah diese seltenen Geschöpfe immer häufiger am Firmament ihre Bahnen ziehen. Doch sie flogen hoch. Sehr hoch. Nur das Auge eines Elb würde ihn ausmachen können. Ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Er war jetzt auch ein Adler.

Beschwingt setzte er seinen Weg fort. Hoffentlich würde sie auf ihn warten, dachte er. Vor seinem geistigen Auge ließ er noch einmal die Ereignisse vorüber ziehen, die ihn zu dem Geheimbund der Elben, Menschen, Hobbits und sogar Zwerge führte. Ein Name. Thaliana. Diese höchst bemerkenswerte Menschenfrau und Elbenfreundin war sein erster Kontakt gewesen. Unvermittelt schmunzelt er bei den Gedanken an sie. Doch da gab es noch eine wichtige Figur in dem Spiel. Thearaen. Eine Frau von seines Gleichen, eine Elbenfrau. Schon als er sie zum ersten Mal erblickte fühlte er sich sofort zu ihr hingezogen. Da war jemand, der ihn wirklich verstand und mit dem er sich über Dinge unterhalten konnte, dir sich nur Elben untereinander erzählen würden.

Er erklomm die Anhöhe und da stand sie: rabenschwarzes, langes Haar das ihre spitzen Ohren nicht verbergen konnte. Mit hellem Blick begegnete sie dem seinen. Sie würden nun gemeinsam weiter ziehen.

Abenteuer. Das war es, was er schon immer suchte. Und er hatte in letzter Zeit viele mit ihr zusammen bestanden. Der Schatten des Feindes lag nicht nur über den Ered Luin. In ganz Eriador stießen die beiden auf Konflikte, Kämpfe und große Not der freien Völker Mittelerdes. Sie waren die Adler des Westens. Doch meistens allein, denn einige hielten sich in sehr weit entfernten Regionen jenseits der Nebelgebirge auf. Doch noch mehr hatten in letzter Zeit den Geheimbund verlassen oder waren untergetaucht. Auch Haldrandir wurde langsam des Kämpfens müde und sein Herz sehnte sich nach dem Meer und den unsterblichen Landen. Solange aber Thearaen an seiner Seite war, würde er weiter machen. Weiter töten. Obwohl ihn die Gesichter und Fratzen seiner Opfer im Schlaf heimsuchten. Elben brauchen ohnehin nicht viel Schlaf, doch Haldrandir hatte schon seit Wochen nicht mehr schlafen können. Er würde durchhalten, wenn nicht für sich, dann für sie. Wie friedlich und ausgeglichen sie aussah, wenn sie so neben ihm her schritt. Selbstvergessen und tief in Gedanken betrachtete er sie von der Seite. Er hatte keine Wahl, es gab kein zurück!

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Viel Zeit war vergangen, seit den Abenteuern mit Thearaen. In Erinnerungen schwelgend sitzt Haldrandir an dem Lagerfeuer und blickt in die Flammen. Selbst hier in Eregion, einem Ort der Schönheit und von Elben bevölkert, ist der Schatten der Ereignisse nicht vorüber gegangen. Und auf seinen einsamen Streifzügen durch die Wälder und die unberührte Wildnis dieser Gegend stieß er auf gefährliche Tiere, Kreaturen und Orks. Ja, selbst hier sind diese Abscheulichkeiten zu finden. „Es sind zu wenige...zu wenige“, murmelt er vor sich hin. Er meint damit nicht die Orks, sondern die Elben. Die Elben sind Weise und noch immer stark. Doch zu viele haben dem Schicksal Mittelerdes den Rücken zugekehrt und sind gen Westen gesegelt, in die Unsterblichen Lande Valinors. Seine Freunde, Menschen, Hobbits, ja sogar Zwerge sind in alle Winde verstreut worden. Zu viele Stellen an denen Hilfe benötigt wird und zu wenige in ihren eigenen Reihen.
So sitzt er unbeweglich die ganze Nacht hindurch, tief in Gedanken, grübelnd, was er tun könnte. Der Mond geht auf und die Sterne leuchten hell. Der Mond neigt sich langsam gen Westen und am östlichen Firmament leuchtet ein silberner Streifen, der den Morgen ankündigt. Als die ersten Sonnenstrahlen sein Gesicht berühren hat er einen Entschluss gefasst:

„Ich werde mich auf die Suche machen. Auf die Suche nach denen meines Volkes, die hier geblieben sind und auch weiterhin für Mittelerde da sein werden. Es sind gerade die Elben und der Bund von einst, der in dieser schweren Zeit die Rettung bringen könnte. Und wenn ich es nicht schaffe, meinesgleichen zu finden und für unsere Sache zu gewinnen, wer dann?“

Also würde er fortgehen, fort von seinen Freunden, auf der Suche nach Elben, die stark wären und gewillt im Kampf gegen den drohenden Schatten beizustehen. Er würde es für seine Freunde tun...aber auch für sich. Zu lange schon, hat er sich von seinem eigenen Volk abgewendet.